Lesen statt Glotzen

Was tut man, wenn man Körperfett loswerden will? Man nimmt eine Ernährungsumstellung vor und ergänzt diese mit einem Trainingsprogramm.

Glotzen ist Bewegungsarmut

Das Glotzen – gemeint ist der passive Konsum von Bewegtbild jeglicher Art – vergleiche ich hier mit einer Bewegungsarmut, die letztendlich zur seelisch-geistigen Verfettung des inneren Leibes und somit zu meiner Trägheit und Konzentrationsschwäche führt.

Zusätzlich zu meiner Ernährungsumstellung, die darin besteht, nicht mehr zu Glotzen, sondern nur ausgewählte Filme mit zuträglichem Inhalt anzuschauen, sollte ich mir ein Trainingsprogramm auferlegen.

Was ist, wenn das Filme schauen die innere Bewegungsarmut darstellt, die seelisch-geistige Bewegung?

Lesen ist Training

Ein paar Jahre lang war ich für die praktische Ausbildung der Pflegekräfte in einem Krankenhaus zuständig. Dabei fiel mir immer wieder auf, dass die Auszubildenden wichtige Informationen aus kurzen Texten, wie Emails oder Arbeitsaufträgen nicht zu verstehen schienen. Egal, wie sehr ich mich bemühte, die Informationen so verdaulich wie möglich aufzubereiten mit didaktisch ausgeklügelter grafischer Unterstützung.

Darüber kam ich gelegentlich mit den Lehrern unserer Pflegeschule ins Gespräch und die bestätigten mir, dass selbst eine Seite Text schon als viel zu hohes Lesepensum empfunden wird.

Ich freue mich sehr über die Digitalisierung, aber sie nimmt uns immer mehr die Notwendigkeit der inneren Bewegung und Anstrengung ab, so wie eine automatische Türe uns die Kraftanstrengung beim Öffnen der Türe abnimmt oder die Rolltreppe das Stufensteigen.

Informationen sind jederzeit und überall abrufbar. Wir tragen das gesamte formale Wissen der Menschheit in unserer Hosentasche herum und brauchen uns eigentlich nichts mehr zu merken.

Die jungen Erwachsenen, die meine Auszubildenden waren, sind in einer Welt aufgewachsen, in der es nie notwendig war, Wissen aus Büchern zu extrahieren. Und was passiert mit einem Muskel, den man nicht mehr anstrengen muss?

Landkarte oder Navi

Wir alle kennen Geschichten, in denen Autofahrer, scheinbar wider normalem Menschenverstand, den Anweisungen ihres Navigationsgerätes in den nächsten Fluss gefolgt sind und dann aus dem Wasser gerettet werden mussten.

Ich habe am eigenen (inneren) Leib beobachten können, wie viel schwächer er durch die moderne Technologie wurde.

Vor nicht allzu vielen Jahren arbeitete ich im ambulanten Pflegedienst in Köln und bin mit Hilfe einer Stadtkarte von einem Patienten zum nächsten kreuz und quer durch die Großstadt gefahren.

Bald schon erkannte ich ein System im Straßennetz von Köln und wusste immer genau, wo ich mich gerade befand und in welche Richtung ich fahren musste, wenn ich zu einem beliebigen Ort in Köln fahren wollte. Den Stadtplan konnte ich mir immer vor mein geistiges Auge halten.

Einige Jahre später habe ich schon lange kein physisches Kartenmaterial in Händen gehalten. Wenn ich mit dem Auto fahre, läuft das Navi in CarPlay immer mit. Wenn ich mit dem Fahrrad fahre, docke ich mein iPhone mittels Quadlock immer an den Lenker. Und nachdem ich nun schon länger in Düsseldorf lebe, als ich damals in Köln lebte, habe ich immer noch kein sicheres Gespür dafür, wie ich ohne Navi von A nach B komme. Vom Erkennen eines Systems und der Ordnung des Straßennetzes kann überhaupt keine Rede sein.

Mit dieser Anekdote will ich veranschaulichen, dass wir das Oberstübchen nicht mehr anstrengen müssen, wenn wir uns ständig auf die künstliche Intelligenz unserer digitalen Helfer verlassen. Und das ist, als würde man einen Muskel nicht mehr benutzen, der dann verkümmert.


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