Lebendiges Innenleben durch Lesen

Mit dem Lesen ist es ähnlich wie mit dem Gebrauch von Landkarten statt Navi. Je weniger wir es tun, umso schwächer wird der innere Denkapparat.

Die Stadtbücherei war unser Internet

Wir haben damals noch gelernt, in der Bibliothek Informationen aus dem großen Bibliotheksbestand herauszufinden. Wenn man etwas zu einem fremden Thema wissen wollte, gab es nur eins: in der Bibliothek recherchieren. Natürlich konnte man nicht ständig dicke Wälzer mit sich herumschleppen. Und so war es nötig, die Informationen, das Wissen, das man brauchte, im Oberstübchen aufzunehmen, an der richtigen Stelle abzulegen und die toten Informationen im Geiste lebendig werden zu lassen; man könnte auch sagen, zu verdauen und sich so einzuverleiben (in den inneren Leib).

Man machte sich das Wissen im wahrsten Sinne zu eigen und konnte so in längst versunkenen Kulturen spazieren gehen, in der Blutbahn von den Lungen zum Herzen auf Reisen gehen, oder den Reden von Cicero vor dem Forum lauschen.

Heutzutage besteht diese Notwendigkeit nicht mehr. Das gesamte Faktenwissen der Welt hat man mit seinem Smartphone immer in Armeslänge greifbar bereit und braucht es gar nicht mehr zu verdauen und zu verinnerlichen.

Abspulen ohne nachzudenken

In dem Klassiker „Wie man ein Buch liest“ vergleichen die Autoren das Lesen mit dem Fernsehen (an Navis und Smartphones war damals noch nicht zu denken) und behaupten, dass man beim Fernsehen mehr und mehr das Denken verlernt, Fakten nur aufnimmt und sie hinterher nur abspult wie eine Kassette, ohne zu verstehen, was man da von sich gibt. Der Grund sei, dass die Informationen von den Fernsehmachern so aufbereitet und verpackt werden, dass man sie aufnehmen kann, ohne sie verdauen zu müssen.

Die Vorstellungskraft stärken

Dass man die Vorstellungskraft durch das Lesen stärken kann und so mehr Interesse und Freude an der Welt entwickelt, wird vielleicht deutlich wenn man sich vor Augen führt, wie unterschiedlich ein Besuch des Archäologischen Parks in Xanten oder der Ruinen in Rom erlebt wird, je nachdem wie man sich darauf vorbereitet hat.

Man kann vorher Dokumentarfilme schauen. Dann bekommt man die Bilder, wie diese Orte in ihrer Blüte aussahen schon fertig serviert. Wenn man dann tatsächlich zwischen den Ruinen steht, gelingt es kaum diese Bilder mit den Ruinen überein zu bringen.

Anders ist es, wenn man viel darüber gelesen hat. Da muss man seine Vorstellungskraft bemühen. Und diese Arbeit macht sich bemerkbar, wenn wir dann vor Ort das Jubeln der Menge in der Arena hören, die Düfte der damaligen Speisen aus der Herberge riechen und die Ochsenkarren durch die Straßen ziehen sehen.

So jedenfalls habe ich das erlebt. Ich fand die Welt viel interessanter, als ich noch viel gelesen habe.


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